Die dritte Stufe – Leseprobe

Prolog

Umgeben von Wasser. 

Totale Leichtigkeit. 

Ich erkenne meinen Körper.

Steige auf.

Weit über das Meer. 

Immer höher. 

Bis in einen Tunnel. 

Dort hinten ist ein Licht. 

In dem Licht sehe ich Papa. 

Seine Gedanken werden zu meinen. 

Totale Leichtigkeit. 

Hier gehöre ich hin. 

Ich möchte weiter. 

Zu ihm. 

Er lässt mich nicht. 

Noch nicht. 

Etwas zieht an mir. Reißt mich zurück … zurück … zurück … 

Eins

Mir war kalt. Unglaublich kalt. Wo bin ich? Ich öffnete die Augen und versuchte etwas zu erkennen, doch immer wieder tröpfelte mir Wasser hinein. Regen? Meine Gedanken überschlugen sich. Nach und nach wurde das Gesicht eines Mannes deutlicher. Schnaufend hing es direkt über meinem. Bis eine Sirene ertönte und anstelle des Mannes ein flackerndes blaues Licht in mein Blickfeld trat. Plötzlich kamen weitere Personen hinzu. Eine Frau und ein Mann. Sanitäter? Neben ihnen her rannte … Mama! Ich wollte sie rufen, doch meine brennende Kehle brachte nur ein Krächzen heraus. Sie kniete sich neben mich in den … Was eigentlich? Sand? Auf ihren Wangen vermischten sich Tränen mit Regentropfen. Als sie nach meiner Hand griff, spürte ich meinen Körper ganz deutlich. So deutlich wie nie zuvor. 

Die andere Frau schob sie weg von mir, der Mann untersuchte mich, setzte mir eine Maske auf das Gesicht. Alles verlief wie im Zeitraffer, die Fahrt mit dem Krankenwagen schien nur einen winzigen Moment zu dauern.

***

„Mare, was machst du denn für Sachen?“ Meine beste Freundin Katha stürmte ins Zimmer und drückte mich ‒ etwas zu heftig ‒ an sich, was mich vor Schmerzen kurz zusammenzucken ließ. Die erste Nacht im Krankenhaus hatte ich zur Sicherheit auf der IMC, einer speziellen Überwachungsstation, an einem Monitor verbringen müssen. Mittlerweile war es Nachmittag und weil meine Werte alle unauffällig waren, hatte man mich gerade in ein normales Zimmer verlegt. „Was ist denn eigentlich passiert?“, fragte Katha und setzte sich auf die Bettkante. 

Das würde ich auch gern wissen, dachte ich. Wenn man von ein paar Abschürfungen, blaugrünen Flecken und dem Pochen im Kopf absah, fühlte ich mich ganz okay, aber so richtig erinnern konnte ich mich an den Unfall gestern Nachmittag noch nicht. 

„Sie ist beim Surfen fast ertrunken. Herr Paulsen hat ihr das Leben gerettet“, antwortete meine Mutter gepresst und sofort füllten sich ihre Augen wieder mit Tränen. Sie stand von dem Stuhl neben meinem Krankenbett auf und ging zum Fenster hinüber. Nicht einen Moment hatte sie mich bisher allein gelassen. 

„Boah, Mare!“, schimpfte Katha, „das musste irgendwann mal passieren, weil du ständig so unvorsichtig bist!“ 

Ich wunderte mich darüber, dass das Wort unvorsichtig in Kathas Wortschatz vorkam und wollte gerade etwas erwidern, doch da schluchzte meine Mutter am Fenster noch lauter. Die blonden Haare hatte sie ‒ wie immer, wenn sie furchtbar übermüdet war ‒ zu einem kleinen Zopf gebunden, aus dem überall zu kurze Strähnen herausrutschten. Ihr schmaler Körper zitterte und schien beinahe in sich zusammenzufallen. Ich ahnte, dass es gerade nicht nur um mich ging, und es tat mir wahnsinnig leid, ihr einen so gewaltigen Schrecken eingejagt zu haben. „Ich weiß, das war total dämlich“, lenkte ich ein. Auch, um meine Mutter zu beruhigen. Dabei würde ich behaupten, eine gute Surferin zu sein. Und gestern waren die Bedingungen zum Surfen genial gewesen. 

Wie in der Vorhersage der letzten Tage angekündigt, hatte ein vor England tobender Sturm so perfekte Dünungswellen an die Nordseeküste nach Schleswig-Holstein geschickt, wie schon lange nicht mehr. Hochwasser war für morgens um sieben gemeldet. Pünktlich zum Sonnenaufgang. 

Das Brett unter den Arm geklemmt, fuhr ich mit dem Rad durch leichten Nieselregen. Meinen Neoprenanzug hatte ich bereits zu Hause angezogen, sodass mir das bisschen Wasser nichts ausmachte. Am Strand war ich allein. Niemand zu sehen, kein bekanntes Gesicht, kein Urlauber und auch kein Rettungsschwimmer. Die Badesaison würde erst übermorgen enden, doch vor zehn ist der Strand nie bewacht. Und genau deshalb surfe ich am liebsten zu dieser Zeit. Das ist natürlich ziemlich leichtsinnig. Doch wenn es um die perfekte Welle geht, vergesse und ignoriere ich ‒ ganz entgegen meiner Natur ‒ gern alles um mich herum. 

Ich band mir die Leash um meinen Knöchel und lief langsam ins Wasser. Es fühlte sich beinahe wärmer an, als die noch kühle Septembermorgen-Luft. Weiter draußen beobachtete ich auf meinem Brett sitzend immer wieder den Horizont und wartete auf die passende Welle. Zwischenzeitlich waren aus dünnen Bindfäden kräftigere Regentropfen geworden. Außer dem Plätschern war es hier draußen angenehm ruhig und ich noch völlig entspannt. Als die Welle immer näher kam, paddelte ich los. Sie schob sich unter mein Brett, das jetzt beschleunigte. Nun breitete sich aufgeregtes, gespanntes Kribbeln in mir aus, von den Zehen bis in die Fingerspitzen. Ich richtete mich auf und machte mich bereit, aufs Brett zu springen. Dieser kurze, fließende Moment ist jedes Mal magisch. Und an diesem Morgen meinte das Meer es gut mir, schenkte mir viele dieser Momente. Der leichte Wind pustete die Gedanken der letzten Tage aus meinem Kopf und wie immer fühlte ich mich meinem Vater mit jeder Welle näher. Ich lenkte das Brett auf die Schulter der Welle zu, bis plötzlich … „Ich bin irgendwie abgerutscht und wurde durchgewaschen. Überall war Wasser und Schaum. Ich hab noch angefangen, die Sekunden zu zählen …“, versuchte ich die auftauchenden Erinnerungsfetzen in Worte zu fassen. „Und dann …“ Ich stockte. Die Bilder, die jetzt in meiner Erinnerung erschienen, machten mir Angst, und doch fühlten sie sich irgendwie ‒ warm an. 

„Was dann?“, fragte Katha. „Mare? Was ist? Hast du einen Geist gesehen?“ 

Ja, kann schon sein, dachte ich. Aber das behielt ich lieber für mich.