Vorlesegeschichten

Felicitas und die Donnerkeile

Platsch! Wütend knallte Cordula eine Feuerqualle gegen die steinerne Höhlenwand, gleich danach noch eine -platsch!- sodass sich die glibbrigen Überreste der Meerestiere im ganzen Raum verteilten. „Bis zum Morgengrauen bin ich zurück!“, rief Cordula ihrer Nichte Felicitas beiläufig zu und verschwand nach draußen in die kalte Dunkelheit.

Felicitas verbrachte die Herbstferien der Hexenschule wieder einmal bei ihrer Tante – einer schwarzen Hexe – auf Helgoland. Dorthin schickte Mama Felicitas jedes Jahr, damit sie von Tante Cordula ein bisschen schwarze Hexerei lernen konnte. Das war auch für kleine Hexen nicht ganz unwichtig. Und unter Tausenden gab es keinen besseren Ort dafür, als den roten Felsen, der abgeschieden vom Festland mitten in der Nordsee aus dunkelgrünen Wellen empor ragt.

Kaum war Cordula zu ihrem monatlichen Vollmond-Hexentreffen im Meer versunken, begann Felicitas in der Höhle – die weit draußen am Fuße des Felsen lag – herumzuschnüffeln und alles Mögliche auszuprobieren. Die kleine Hexe war sich sicher, dabei Dinge zu lernen, die ihre griesgrämige Tante ihr niemals beibringen würde. So wie im letzten Herbst, als Felicitas aus den merkwürdigsten Zutaten heimlich einen Anti-Pups-Trank gemixt hatte und damit eine gemeine Stink-Stank-Stunk-Welle verhinderte, die sicherlich bis ans Festland gereicht hätte.

Jetzt schlich die kleine Hexe zwischen morschen Regalen umher. Es roch nach verfaultem Fisch und Algen. Ihre nackten Füße froren auf dem kalten, harten Boden, der nur hier und da mit Sand bedeckt war. Vorsichtig strich Felicitas mit ihren Fingern über Schachteln und Fläschchen. Einige öffnete sie und entdeckte Wasserspinnen-Beine, Seeigel-Stacheln oder eingelegtes Muschelfleisch. In einem Tiegelchen bewahrte Cordula eine grüne Masse auf. „Algenschleim. 10 Jahre alt“, konnte Felicitas gerade noch auf dem Etikett entziffern. Sie konnte nicht widerstehen, tauchte ihre Hand hinein und ließ den Glibber begeistert durch ihre Finger gleiten. Das machte sie eine Weile, bis sie schließlich nach einem schweren, mit Donnerkeilen gefüllten Glas griff.

„Stell das schnell zurück“, ertönte es daraufhin aus einer dunklen Ecke. Vor Schreck zuckte Felicitas kurz, aber heftig zusammen, sodass sie das Glas beinahe hätte fallen lassen. „Puh, Glück gehabt“, stöhnte sie und wandte sich der Stimme zu. Ein ziemlich dicker und hässlicher Seehund robbte schwerfällig aus der Dunkelheit in das seichte Licht einiger Kerzen. Dabei breiteten sich lauter Pfützen um das Tier herum aus. „Ach Tiberius, ich habe schon auf dich gewartet.“ Als junger Hexer war Tiberius vor vielen Monden einmal in Cordulas Steinhöhle eingebrochen. Zur Strafe verhexte sie ihn in einen grässlich aussehenden Seehund. In dieser Gestalt lebte er bis heute, meist auf der Helgoländer Düne. Lachend lief Felicitas nun auf ihren Freund zu – und rutschte auf einer glitschigen Mischung aus Meerwasser und Möwenkacke aus. Diesmal hatte sie kein Glück. Bei dem Versuch sich irgendwo festzuhalten, flutschte ihr das Glas aus der Hand und -klirr!- zersplitterte in tausend Scherben. Von den langen, spitzen Steinen waren nur noch kleine Stückchen übrig.

„Verhexter Hexendreck!“, rief Felicitas. Tiberius schnaubte: „Das wird Cordula gar nicht gefallen. Ganz und gar nicht!“ Die kleine Hexe rieb sich ihren Po. „Ich weiß, ich weiß. Diese Donnerkeile sind ihr wichtiger als jeder Blutmond, weil sie sie als Heilmittel gegen ihren schmerzhaften Hexenschuss braucht.“

Hektisch klaubte Felicitas die kleinen Steinstücke aus den noch winzigeren Glasscherben heraus. Ihre Hände bluteten bereits, doch das interessierte sie nicht. „Ich muss neue hexen. Komm schon, hilf mir.“ Zögerlich hielt Tiberius eine Flosse in die Luft und wedelte damit hin und her. „Wie … stellst du dir das hiermit vor?“

Felicitas brummelte etwas vor sich hin und stand auf. Mit zittrigen Händen breitete sie die zerbrochenen Donnerkeile vor sich auf einem Tisch aus, träufelte ein wenig Krabbenblut darüber und sprach: „Wasser und Blut, knisternde Glut; wenn ich stampfe beim Tanz, mach die Steine wieder ganz.“ Und Felicitas begann sich zu drehen und dabei zu stampfen. Schneller und schneller. Lauter und lauter. Doch … der Hexspruch wirkte nicht.

„Du kannst aufhören!“, rief Tiberius seiner Freundin zu. Keuchend ließ sich Felicitas auf den Boden sinken. Den duseligen Kopf hinter ihren Knien vergraben, murmelte sie: „Wieso hat das nicht geklappt?“ Der Seehund robbte dichter an sie heran. „Nicht nur das Krabbenblut klebt an den Donnerkeilen … auch dein eigenes.“ Entsetzt blickte Felicitas auf ihre zerkratzten Hände. Gerade wollte sie aufspringen, um die gebrochenen Steine zu säubern – da hörte sie von draußen ein Geräusch. Sie und Tiberius sahen sich an und flüsterten gleichzeitig: „Cordula“. Felicitas prüfte verwundert die Uhrzeit. „Das kann nicht sein, es ist gerade mal kurz nach Mitternacht. Schnell! Du musst sie aufhalten, sie darf jetzt auf keinen Fall hereinkommen!“ Aber, zu spät. Cordula stand bereits in der Tür.

Das Meerwasser tropfte an ihrem zerlöcherten Mantel herunter. In ihren ebenfalls pitschnassen Haaren klebten überall Algen. Sie zog sich einen ihrer Gummistiefel aus und entleerte einen ganzen Schwall Salzwasser samt kleiner Fische und Quallen auf den Boden. Jetzt schmeißt sie gleich wieder mit Feuerquallen, dachte Felicitas. Tatsächlich. Cordula sammelte die Meerestiere vom Boden auf und knallte eines nach dem anderen gegen die Wand. Dabei krächzte sie: „Was macht der Seehund hier? Und wie sieht das hier überhaupt aus?“ Dann fiel ihr Blick auf den Tisch mit den zerbrochenen Donnerkeilen. Sie fluchte laut und unanständig. Felicitas hielt sich die Ohren zu und Tiberius versteckte sich in der hintersten Ecke, aus der er gekommen war.

Nach einer Weile hatte sich Cordula beruhigt. Und die kleine Hexe traute sich, zu gestehen: „Sie sind mir heruntergefallen. Aber ich habe versucht, sie wieder heil zu hexen. Es tut mir so leid. Hexenehrenwort.“ Cordula atmete dreimal tief ein und aus und ging auf sie zu. „Also gut, Felicitas, ich verrate dir jetzt ein Geheimnis: Du kannst die Donnerkeile weder reparieren, noch kannst du neue hexen.“ Felicitas schluckte kräftig. Ihre Tante sprach leise weiter: „Du musst ein Gewitter hexen, dann kommen die heilsamen Versteinerungen von ganz allein – vom Himmel gefallen. Willst du es mal versuchen?“ Felicitas war sich nicht sicher. Meinte ihre Tante das wirklich ernst? Scheinbar ja. Denn Cordula schnappte sich den Hexenhut und rief: „Besser, du setzt deinen auch auf, das könnte sonst etwas wehtun!“ Sie klopfte sich mit ihrem krummen Zeigefinger auf den Kopf und ging nach draußen.

Zögerlich folgte Felicitas ihrer Tante den Strand hinunter bis zum Meer. Der Mond stand voll und ganz am Himmel und um ihn herum glitzerten Millionen Sterne. „Bist du bereit?“, fragte Cordula. Felicitas nickte und drückte beide Füße fest in den Sand. Obwohl sie diesen Hexspruch nie zuvor aufgesagt hatte, wusste sie plötzlich genau, was zu tun war. Sie konnte es fühlen. Gemeinsam sprachen sie:

„Feuerquallen und Algenschleim,
knie dich hin auf diesen Stein;
erst kommt Ebbe, dann die Flut,
halte fest jetzt deinen Hut;
dunkle Wolken, starker Wind,
drehe dich im Kreis geschwind;
Donner grollt, wenn Blitze zucken,
nieder du sollst dich nun ducken;
Regentropfen ins Meer werden platschen,
dazu dreimal in die Hände fest klatschen.“

Noch während Felicitas und Cordula die Verse aufsagten, schoben sich erste Wolken vor den Mond und die Sterne. Es wurde stockfinster und ungeheuer stürmisch. Die kleine Hexe hatte alle Mühe nicht umzuwehen. Plötzlich zuckten grelle Blitze durch das tiefe Schwarz am Himmel, kurz darauf ertönte Donnergrollen. Das Gewitter war direkt über ihnen. Es begann zu regnen. Zunächst ganz leicht, dann immer stärker und heftiger. Und mit dem Regen kamen die Donnerkeile. Wie Sternschnuppen fielen sie in den Sand und -plopp, plopp, plopp, plopp- ins tosende Meer.

„Es klappt, es klappt! Der Hexspruch wirkt!“ Felicitas war überglücklich und stolz. In diesen Ferien hatte sie jede Menge schwarze Hexerei gelernt – sogar von ihrer griesgrämigen Tante.

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Vampir für eine Nacht

Die Kirchturmuhr schlägt Mitternacht. Dong … Dong … Dong … macht es einige Male, da erscheint auch schon Friedolin, der kleine Vampir. Leise kichernd spaziert er über den Friedhof: „Hi, hi, der Herr Friedhofsgärtner wird sich wundern, hi, hi.“ Friedolin liebt es, um Mitternacht auf dem düsteren Friedhof herumzuschleichen. Meist stellt er dabei irgendwelchen Unfug an, um den Friedhofsgärtner zu ärgern. Seit mindestens 167 Jahren geht das nun schon so. Unzählige Male hat Friedolins Mutter ihn deshalb bereits ermahnt, doch es macht einfach zu viel Spaß!

Ganz besonders in Nächten wie dieser. Ein grässliches Unwetter tobt über dem Friedhof. Es ist stockfinster. Die kahlen Äste der Bäume knirschen und knacken im Wind. Auf ihnen sitzen Krähen und flattern wild mit ihren Flügeln.

Während Friedolin weitere Streiche ausheckt, steht die kleine Pauline am Fenster ihres Kinderzimmers. Der Regen prasselt heftig gegen das Glas. Wieder einmal kann Pauline nicht schlafen, wie so oft, seit sie mit ihren Eltern in ein neues Haus neben dem Friedhof gezogen ist. Angst macht ihr das nicht, naja, vielleicht ein klitzekleines bisschen. Aber das ist nicht der Grund, oh nein! Pauline findet es unglaublich aufregend.

Wann immer die dunklen Gewitterwolken es zulassen, sieht sie staunend hinauf zum leuchtenden Vollmond. „Ob es wirklich Vampire gibt?“, grübelt Pauline zum wiederholten Mal. „Ein Vampir zu sein, das wäre schön“, findet sie. Pauline würde zu gern durch die Nacht fliegen können, die spitzen, gefährlich aussehenden Zähne begeistern sie, und es macht ihr großen Spaß, andere Leute zu erschrecken.

Plötzlich reißt ein greller Blitz Pauline aus ihren Gedanken. Er saust durch die dichten Wolken und lässt für einen ganz kurzen Moment ein unheimliches Schloss am Friedhofsrand erkennen – dort wohnen Friedolin und seine Familie.

Auf den Blitz folgt gewaltiger, nicht enden wollender Donner. Schnell steckt Pauline sich die Finger in die Ohren und kneift die Augen zu. Doch neugierig wie sie ist, blinzelt sie doch vorsichtig.

Der wild und laut gegen die Scheiben prasselnde Regen lässt es nur erahnen: Draußen auf dem Fensterbrett kauert ein kleines pitschnasses Wesen. Pauline drückt sich ihre Nase an der Fensterscheibe platt. Das kleine Wesen sieht ihr direkt in ihre weit geöffneten Augen. „Das ist eine Fledermaus“, sagt Pauline und öffnet kurzentschlossen das Fenster. Sofort strömen Wind und Regen mitsamt der Fledermaus ins Zimmer. Pauline hat große Mühe, das Fenster wieder zu schließen. „Was hast du denn, kleine Fledermaus?“, erkundigt sie sich fürsorglich und stellt fest, dass das Tier verletzt ist. „Der Sturm hat dir sehr zugesetzt, nicht wahr?“

Leise fiepend versucht die kleine Fledermaus aus dem Fenster zu blicken.
„Was? Möchtest du etwa wieder dort raus? In den Sturm?“, fragt Pauline.
Erneut zischt ein Blitz vom Himmel und erhellt den Friedhof. „Das Schloss! Natürlich! Du möchtest nach Hause.“ Für Pauline steht fest, dass sie die Fledermaus zurückbringen wird.

Ohne lange zu überlegen, huscht sie aus ihrem Zimmer. Leise schlüpft sie in die bunten Gummistiefel und greift nach ihrer Regenjacke. „Und du kommst hier hinein“, flüstert Pauline und setzt die Fledermaus in ihre Jackentasche. Flink kämpft sich Pauline durch das Rinnsal, das sich auf dem Weg gebildet hat. Der Wind trägt das Krächzen der Krähen in ihre Ohren.

Noch findet sie alles aufregend, doch als sie das Schloss erreicht, breitet sich ein ungutes Gefühl in ihr aus. Furchterregend steht das riesige Anwesen inmitten der Dunkelheit. Beklommen lässt Pauline ihren Blick über die alten Mauern schweifen.

„Hier wohnst du, kleine Fledermaus?“, fragt Pauline. Sie muss sich auf die Zehenspitzen stellen und die Arme weit ausstrecken, um an den Türklopfer zu gelangen. Ein leises, blechernes Klopfen ertönt. „Hm, keiner zu Hause.“ Von Neugier getrieben, stemmt sich Pauline mit aller Kraft gegen die große, schwere Tür, und plötzlich öffnet sie sich. Ganz langsam. Quietschend und knarrend.
„Seltsam“, stammelt Pauline, „das war ja einfach.“ Vorsichtig holt sie die kleine Fledermaus aus ihrem Versteck. „Du kannst rauskommen, kleiner Kerl, du bist zu Hause.“

Für einen kurzen Moment wirft der Vollmond sein Licht durch die Tür ins Schloss. Pauline möchte sich gerade im weiten Flur umsehen, da schließt sich die Tür mit einem lauten Knall.
Entsetzt fährt Pauline herum. Es herrscht undurchdringliche Dunkelheit. Nur weit entfernt, am Ende des langen Flures, flackert ein Licht.

Während Pauline sich durch den schwarzen Raum tastet, beginnt die Fledermaus zu fiepen. Plötzlich meint Pauline, eine Hand auf ihrer Schulter zu spüren. Erschrocken bleibt sie stehen. „Hallo?“, wispert sie mit zitternder Stimme, „ist hier jemand?“ Keine Antwort. Doch dann ruft jemand: „Buh!“ Vor Schreck lässt Pauline die Fledermaus fallen.

„Mensch, Gustav, da bist du ja“, hört sie eine Stimme sagen, „ich habe dich schon gesucht.“ Jemand hält ein Glas, in dem ein Glühwürmchen flattert, vor Paulines Gesicht. „Hallo, ich bin Friedolin. Wer bist du?“

Im seichten Licht erkennt Pauline die Gestalt: ein kleiner Vampir!
„Ich – ich bin Pauline“, bringt sie heraus. „Und du – du bist ein – ein Vampir!

„Jawohl, das bin ich!“, sagt Friedolin fröhlich. „Ich bin Friedolin der Achtundsechzigste! Aber nun sag, was treibst du hier?“

„Ich – bringe – die Fledermaus, ich bringe – Gustav nach Hause. Er hat sich verirrt“, stottert Pauline.
„Das passiert ihm ständig, nie weiß er, wo er sich befindet“, kichert Friedolin und blickt auf die Fledermaus in seiner Hand. „Der Sturm hat dich mitgenommen, was?“

„Genau“, sagt Pauline, „ich glaube, er ist verletzt.“

„Danke schön, Pauline“, sagt Friedolin artig. „Komm mit, wir bringen Gustav dort ins Zimmer.“ Friedolin deutet mit dem Finger in Richtung des flackernden Lichts. Es scheint durch den Spalt unter einer geschlossenen Tür hindurch. Auf der anderen Seite der Tür treffen sie Friedolins kleinen Bruder Ludwig. Inmitten unzähliger Kerzen hockt er auf dem kalten Boden. Sein Gesicht verschwindet hinter einem großen Buch.

„Schnell, schließ die Tür. Die Dunkelheit darf nicht hinein“, flüstert Friedolin Pauline zu, als sie das Zimmer betreten. Ludwig wagt doch einen kurzen Blick über den Rand seines Buches.

„Friedolin? Du hast Besuch? Ist sie … ist sie ein Mensch?“, fragt Ludwig vorsichtig. Ludwig ist in Vampirangelegenheiten noch etwas unbeholfen. Schließlich ist er gerade erst neunundneunzig Jahre und drei Monate alt.

Langsam beginnt er, seine Nase zu rümpfen und spricht weiter: „Oh, ja, sie ist ein Mensch. Diesen Geruch erkenne ich, den haben wir gerade erst in der Schule kennengelernt.“ Und schon verkriecht Ludwig sich wieder hinter seinem Buch.

Pauline sieht Friedolin fragend an.

„Das ist Ludwig“, erklärt Friedolin, „er fürchtet sich im Dunklen. So hat er seine Leidenschaft für Bücher entdeckt.“

Pauline wundert sich: „Ein Vampir, der vor der Dunkelheit Angst hat und zudem gerne liest? Seltsam.“ „Seltsam finden das auch unsere Eltern. Deshalb versucht Ludwig, seine nächtlichen Lesestunden stets zu verheimlichen, was ihm nicht immer gelingt.“

„Psst“, macht der jetzt und liest konzentriert weiter.

Schmunzelnd und übertrieben vorsichtig schleichen Pauline und Friedolin aus dem Zimmer, während Gustav sich zu Ludwig hinter das Buch setzt. Kaum hat Friedolin die Tür hinter sich geschlossen, ruft Pauline: „Echte Vampire! Friedolin, du musst mir alles zeigen. Das Fliegen und …“

Schnell legt Friedolin ihr seine Hand auf den Mund und flüstert: „Psst, sonst bemerkt uns noch jemand.“ Doch zu spät! Aus der finstersten Ecke des Flures taucht eine düstere Gestalt auf, die Nase auf Schnupperkurs Richtung Pauline. „Willfried, vergiss es“, faucht Friedolin seinen dickbäuchigen Vampirbruder an.

„Oh, ich hätte sie gar nicht doll gebissen“, sagt Willfried beleidigt, „sie hätte sich bestimmt nicht verwandelt.“

Verwandelt, denkt Pauline, in einen richtigen Vampir? Oh, ja! Aber das will Friedolin auf keinen Fall zulassen. Er nimmt ihre Hand und raunt: „Pauline, wir verschwinden lieber, bevor der hungrige Willfried petzen geht.“ Und so flüchten die beiden aus dem Schloss. Willfried bleibt enttäuscht zurück und reibt sich den knurrenden Magen.

Draußen wütet noch immer der Sturm. „Das war ziemlich knapp“, sagt Friedolin, nachdem die beiden ein Stück gelaufen sind. „Willfried ist immer hungrig, nachts natürlich am meisten.“

Pauline wundert sich etwas und fragt: „Und du? Möchtest du mich denn nicht beißen?“

Zum Spaß fletscht Friedolin seine Zähne. „Siehst du das?“, fragt er.

Pauline schüttelt den Kopf.

„Meine Zähne sind nicht spitz genug, obwohl ich in der Schule beim Thema Wie gebrauche ich meine Zähne richtig immer gut aufpasse.“

Pauline muss lachen, sie findet das irgendwie niedlich.

Friedolin erzählt weiter: „Außerdem macht es mir nicht so viel Spaß, ich ärgere lieber den alten Friedhofsgärtner.“ Friedolin öffnet das große Tor zum Friedhof.

„Aber was isst du dann?“, fragt Pauline.

„Am liebsten Lakritzschnecken, die sind lecker! Mama zuliebe versuche ich es hin und wieder mit einer klitzekleinen Fliege.“ Dann doch lieber Lakritze, denkt Pauline. Auf einmal flüstert Friedolin ihr zu: „Pass auf! Er kommt!“

„Wer denn?“ Pauline sieht sich fragend um.

„Der Friedhofsgärtner natürlich“, antwortet Friedolin und zerrt Pauline hinter einen dicken Baumstamm. „Wenn ich bis drei gezählt habe, rennen wir los. Eins … zwei … drei …“
Die beiden laufen, als wäre ein Werwolf hinter ihnen her und Friedolin schwingt dabei seinen Vampirumhang und gibt unheimliche Laute von sich.

„Hilfe, Ungeheuer, Hilfe!“, schreit der Friedhofsgärtner. Dann erkennt er Friedolin. „Ach, du schon wieder, irgendwann erschrickst du mich noch zu Tode!“

Friedolin lacht nur. „Der ist dreimal so alt wie ich, der ist schon lange ein Geist!“

Allmählich bricht der Morgen an und Friedolin muss sich verabschieden. „Schade, dass du gehen musst“, sagt Pauline traurig. Doch auch sie ist mittlerweile müde. Friedolin bringt sie zurück nach Hause. Diese Nacht war etwas ganz Besonderes. Und jeder Blick aus ihrem Fenster wird Pauline noch viele, viele Jahre daran erinnern.

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Die Spukprüfung

Das Haus der alten Frau von Schwarzenfeld stand seit einer Ewigkeit leer. Diese Gelegenheit hatte Hubertus eines Nachts genutzt, um sich auf dem Dachboden des Hauses ein Versteck einzurichten.

Wann immer es Ärger mit Mama und Papa gab (und das kam ziemlich häufig vor), verkroch sich das kleine Gespenst dort oben. Bei jedem Besuch schleppte Hubertus eine seiner Sperrmüll-Errungenschaften mit, um sein Reich zu verschönern.

Mittlerweile zierten zahlreiche Schätze den vernachlässigten Dachboden: goldene Handspiegel, schwarze Kerzen, Gummifledermäuse, Kissenbezüge aus rotem Samt, und natürlich fand Das große Buch des unheimlichen Spukens zwischen all diesen Kostbarkeiten seinen Platz.

Pünktlich zur Geisterstunde erschien Hubertus auch in jener Nacht auf dem Dachboden. Der silberne Mond warf sein Licht durch die Dachlatten und brachte die vielen kleinen Staubkörner auf dem Fußboden zum Glänzen.

Am kommenden Mittwoch würde die wichtigste Spukprüfung anstehen. Hubertus wollte sich gut darauf vorbereiten und noch eine dringende Sache nachlesen. Bei der letzten Prüfung hatte das Gespenst kläglich versagt und seine Eltern hatten furchtbar geschimpft. Das würde ihm dieses Mal nicht passieren. Doch wo war bloß dieses Buch geblieben?

„Verflixt noch mal!“, fluchte Hubertus und suchte überall danach. Inmitten dichter Spinnweben schwirrte das Gespenst aufgeregt umher. Dabei verursachte es lautes Rumpeln und Pumpeln. Das störte niemanden, denn schließlich war das alte Haus ja unbewohnt – oder …?

Plötzlich hörte Hubertus ein Geräusch wie das Kratzen spitzer Krallen auf einer glatten Oberfläche. Er sah sich mit großen Augen um. Dort, ganz langsam öffnete sich die Dachbodenluke! Die Scharniere waren lange Zeit nicht bewegt oder geölt worden und quietschten und knarrten.
„Ich muss mich verstecken“, flüsterte Hubertus. „Demjenigen, der mich in meinem Reich hier oben stört, werde ich einen ordentlichen Schrecken einjagen.“ Schnell schwebte das Gespenst hinüber in die dunkelste Ecke und gab keinen Mucks mehr von sich. Leise tapste etwas die letzten Sprossen der hölzernen Leiter hinauf auf den Dachboden. Ein Lichtkegel erhellte die hintere Wand. Die Spinnen, die dort in ihren Netzen saßen, verzogen sich blitzschnell in ihre Löcher. Jetzt kam Hubertus‘ Einsatz. Er ließ seine schwere Kette rasseln und stand unvermittelt mit einem „Buhuh äh!“ vor dem Besucher – einem kleinen Mädchen.

Doch zu Hubertus‘ Entsetzen zuckte es nicht einmal mit den Augen.

„Wusste ich es doch!“, sagte das Mädchen mit fester Stimme. „Hier spukt es!“ Hubertus war enttäuscht und verwundert zugleich. Klappte jetzt nicht einmal mehr der einfachste Spuk? Aufgebracht trat das Mädchen ein paar Schritte an das Gespenst heran und sagte: „Schon als wir vor ein paar Tagen in dieses Haus eingezogen sind, war mir klar, dass hier was nicht stimmt; immer dieses Poltern!“

Traurig ließ sich Hubertus auf einer Truhe nieder. „Fürchtest du dich denn gar nicht?“, fragte er. Das Mädchen schüttelte wild den Kopf. „Dann kann ich die Prüfung am Mittwoch wohl vergessen“, jammerte Hubertus. „Erst recht, wenn ich das blöde Buch nicht finde.“

„Welche Prüfung? Und was für ein Buch?“, fragte das Mädchen neugierig.

Hubertus holte tief Luft. „Jedes heranwachsende Gespenst muss von Zeit zu Zeit seine Spukfähigkeiten unter Beweis stellen“, erklärte er. „Die Aufgaben werden immer schwerer“, Hubertus seufzte. „Das große Buch des unheimlichen Spukens erklärt einem alles haargenau.“

Das Mädchen setzte sich zu Hubertus auf die Truhe. „Ich helfe dir, das Buch zu finden“, sagte es. „Und dann üben wir so lange, bis du die Aufgaben im Schlaf kannst. So macht Mama das immer mit mir, wenn ich meine Rechenaufgaben nicht kann.“

Glücklich schwebte Hubertus in die Luft. „Super, dann lass uns gleich anfangen“, sagte er. Die beiden suchten jeden Winkel des düsteren Dachbodens ab. Dank der Taschenlampe, die das Mädchen bei sich trug, sah Hubertus zum ersten Mal wie schön er es hier oben hatte. Aber das Buch war nicht zu finden.

„Hast du schon mal in der Truhe nachgesehen?“, fragte das Mädchen schließlich. Ihre Haare waren mit Spinnweben und Wollmäusen verziert. Hubertus zuckte mit den Schultern. Er konnte sich nicht daran erinnern, dieses Ding jemals geöffnet zu haben. Und doch musste es so gewesen sein, denn schon zog das Mädchen ein großes, schweres Buch aus der Truhe. Der Buchdeckel war dunkel und speckig. Die Buchstaben des Titels waren tief eingestanzt.

„Du hast es gefunden!“, freute sich das Gespenst. Sofort nahm es das Buch entgegen und schlug Seite 493 auf. „Hier steht es“, sagte Hubertus und las ein Stückchen vor: „Aufgabe 1387 – Annehmen einer fremden, schauderhaften Gestalt einschließlich Stimme: Lockern Sie zunächst einmal Ihren Kiefer und die Nackenmuskulatur. Dann rollen Sie Ihre Augen nach innen und denken dabei an das gruselige Wesen, dessen Gestalt Sie annehmen möchten. Strecken Sie nun Ihre Zunge hervor und berühren mit derselben Ihr linkes Ohr (oder die Stelle, an der sich normalerweise das Ohr befindet). Bauen Sie hohen Druck im Inneren Ihres Körpers auf. Jetzt heißt es: Konzentration! Ansonsten könnte dieser Spuk nach hinten losgehen, wobei sich der Druck in Form von lautem Pupsen nach außen entlädt.“

Das Mädchen musste kichern. Doch Hubertus war nicht zum Lachen zumute. „Das schaffe ich niemals“, maulte er.

„Natürlich kannst du das schaffen“, schimpfte das Mädchen. „Du musst es einfach versuchen.“
Also gut, dachte Hubertus und tat, was ihm das Buch befahl. Es dauerte eine Weile, bis Hubertus alles umsetzen konnte. Doch dann – funktionierte es tatsächlich! Er verwandelte sich in eine grauenhafte Gestalt mit heraushängenden Augen, grünen Haaren, dicken Warzen und dreckigen Zähnen. Als Hubertus mit rauer, kratziger Stimme einen kurzen Satz sprach, trat stinkender Qualm aus seinem Mund hervor.

Das Mädchen erschrak so sehr, dass es beinahe durch die geöffnete Dachbodenluke nach unten gestürzt wäre. Als es sich wieder beruhigt hatte, fiel es Hubertus um den Hals. „Du hast es geschafft!“, rief das Mädchen. „Du hast mich furchtbar erschreckt!“. Hubertus machte einen Luftsprung. Nun konnte die Prüfung ruhig kommen.